СКВОЗНЯК [Skvozniak]- auf deutsch «Durchzug»,- ist die Chronik einer Schmuggelmaschine.

Die Geschichte erzählt von den Anfängen der ursprünglich für militärische Zwecke genutzten Maschine bis zu ihrer Produktion in den Fabrikanlagen in Weiler (Luxemburg) in den fünfziger Jahren sowie von Vertrieb und Anwendung.

Die bis dato unbekannte oder vergessene Geschichte basiert auf einer Freundschaft des sowjetischen Generals Wladimir Petrowitch mit den Gebrüdern Bastin aus Weiler.

Petrowitch kam in den Wirren der Nachkriegszeit nach Luxemburg und mit ihm die legendäre «Skvozniak SK1».


 
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Die Rote Armee und der Durchzug …..
 

Um die Versorgung der Truppen an der Front von zerstörter Infrastruktur unabhängig zu machen, gab das sowjetische Militär Ende der 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts eine Forschungsarbeit in Auftrag.

Die besten Spezialisten der Akademie der Wissenschaften nahmen sich des Projektes mit dem Codenamen „Skvozniak“ - auf Deutsch „Durchzug“ - an. Unter strengster Geheimhaltung entwickelten sie lange nach Kriegsausbruch eine Maschine, die den Erwartungen des Obersten Sowjets entsprach.
Der Prototyp basierte auf einer völlig neuen Technologie - der Kernkulminotransmission - die im Stande war, Materie über weite Strecken zu befördern. Lebensmittel, Munition, Lageberichte, Marschbefehle usw. konnten von nun an ohne Schwierigkeiten und - noch wichtiger- unentdeckt von Punkt A nach Punkt B befördert werden.

Mangels Rohstoffen - vor allem des Elements 115 - konnte die Maschine nicht in ausreichender Stückzahl hergestellt werden. Bis kurz vor Kriegsende waren davon lediglich zwei funktionsfähig: ein Sender und ein Empfänger.


 

Der Oberste Sowjet hatte aus politischen Gründen großes Interesse daran auch an der Westfront mitzumischen. Bereits 1941 hatten drei sowjetische Mathematiker den deutschen Enigma-Code geknackt und somit war die Rote Armee bestens über die Absichten der Wehrmacht informiert, also auch über den geplanten Vorstoß in die Ardennen. Da das deutsche Territorium mit Truppen nicht durchquerbar war, befahl Stalin dem zum General der Roten Armee ernannten Physiker der Akademie der Wissenschaften, Prof. Wladimir Petrowitch, dessen vollständiger Name aus obskuren Geheimhaltungsgründen übrigens nie bekanntgegeben wurde, ein Exemplar des Empfängers heimlich nach Luxemburg zu schaffen. Nur so könnten die Russen in die bevorstehende Ardennenschlacht eingreifen.

In Tobolsk, einem Kaff der Sowjetrepublik Tatarstan, befanden sich die Laboratorien des „Skvozniak“-Projektes. Hier begann am 13. Oktober 1944 die abenteuerliche Odyssee einer Gruppe von vier Menschen und einer Maschine, die den Lauf der Geschichte verändern sollte…




Abseilen des Kollimators entlang einer Eiswand

 
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Von Tobolsk Richtung Westen
 
Um möglichst wenig Aufsehen zu erregen, erfolgte der Transport der Maschine stets auf Nebenwegen, hauptsächlich bei Nacht und, wenn möglich, durch menschenleere Gebiete wie hier über das verschneite Uralmassiv.
 


 


Sturz des Kollimators in eine Gletscherspalte

       


Prof. Wladimir Petrovich


Jan Bastin

 


Werbeplakat, 1955

 
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Zu spät – Der General und die Holländer
 

26. Januar 1945. Petrowitch erreichte auf einem Ochsenkarren Vianden. Seine Lage war entmutigend: Seine Begleiter waren schon zwischen Katowice und Prag desertiert, der Transmitter war bei einem Sturz in die Donau beschädigt worden, der General erhielt keinerlei Nachricht vom Obersten Sowjet und … der Krieg war vorbei.
Petrowitch beschloss abzuwarten, suchte sich in der Gegend eine Unterkunft, traf in Weiler die aus Holland stammenden Gebrüder Bastin, schloss Freundschaft und … blieb.

Tempus fugit.

Am Vorabend des Nationalfeiertages 1949 legte Wladimir Petrowitch seine Uniform ab. Für immer. Nur noch ein einziges Mal würde er sie aus der mit Mottenkugeln verseuchten Siddel am Ende des Flurs nehmen, während zwei Tagen lüften und mit sämtlichen Orden geschmückt anlegen.

Seit seiner Ankunft hatte er kein einziges nennenswertes Wort verloren, er gab nur Belanglosigkeiten von sich. Er redete nicht über sich und auch nicht über die bizarre Maschine, die er auf dem Ochsenkarren nach Weiler gebracht hatte. Die stand nur im Geräteschuppen hinter der Scheune herum, mit fremden Schriftzeichen bemalt, wie abwartend. Bis zu jenem schicksalhaften Augenblick, am Abend des Léiffraewëschdag im Jahr 1951, an dem Petrowitch endlich, nach der letzten Flasche Elbling, sein Schweigen brach.

An diesem erinnerungswürdigen Tag packte er aus und erzählte von der glorreichen Zeit als Vollmitglied der Akademie der Wissenschaften: Er gab die Abenteuer während der Dechiffrierung des Enigma-Codes zum Besten, vermittelte seine Freude beim Durchbruch des „Skvozniak“-Projekts, schwärmte von seiner Odyssee durch das größte Land der Erde und verriet sein begieriges Verlangen, der Maschine im Schuppen wieder Leben einzuhauchen.

Seine Geschichte klang so skurril und unglaubwürdig, dass niemand wagte an seinen Worten zu zweifeln. Das halbe Dorf lief zusammen, um sie zu hören, und selbst nach Stunden bemerkte niemand, dass der Elbling schon lange alle war.

In diesem Moment wurde der Grundstein für eine der florierendsten Industrien im Ösling gelegt – der ersten Schmuggelmaschinenfabrik der Welt.

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Die Reparatur des Transmitters war für Petrowitch kein Problem - als Experimentalphysiker war er es gewohnt schwierige Aufgaben fantasievoll zu lösen - nur das Element 115 bereitete ihm schlaflose Nächte. Er hörte von der 1938 geschlossenen Antimonmine in Goesdorf und wusste von früher, dass die Grenzschichten zwischen Metall und Muttergestein stets eine relativ hohe Menge des Elements 115 enthielten. So fuhr er jeden Sonntag nach der Houmass, die er übrigens nur widerwillig besuchte, mit dem einzigen Traktor aus Weiler zu den Abraumhalden nach Goesdorf und extrahierte hier mit Salpetersäure das seltene Element.

Er war nicht der Einzige, der von seiner Vision gepackt war. Außer der gesamten Bastinfamilie standen ihm eine ganze Reihe Helfer zur Verfügung:

- Uhrmacher Faltz aus Diekirch, ein passionierter Feinmechaniker, verbrachte jede freie Minute in Weiler um unter Anleitung Petrowitchs die mechanischen Teile der Maschine zu reparieren und zu kopieren.

- der Landwirt Scholtes, der es leid war in der doppelwandigen Motorhaube seines „Fendt-Dieselross“-Traktors Santos-Kaffee nach Bitburg und Branntwein nach Luxemburg zu schmuggeln und dann von den schläfrigen Douaniers gefragt zu werden: „Hut der eppes ze declaréieren?“. Schließlich war er schon zweimal erwischt worden und zwar immer dann, wenn Schmëtte Pier Dienst tat. Scholtes war zuständig für die Herstellung des Kulminators.

So dauerte es keine drei Monate, bis die zwei ersten Maschinen voll funktionsfähig waren.

Der erste transmittierte Gegenstand war ein altes verrostetes Dreirad. Es reiste vom „Kuelbierg“ bis zum Ort genannt „An d‘Héi“.

Aus Abenteuerlust, Pioniergeist und nicht zuletzt aus Geldmangel gründeten Jan Bastin und sein Bruder Joseph zusammen mit dem „General“, wie Petrowitch noch immer in der Gegend genannt wurde, im Oktober 1951 die „SKVOZNIAK-Maschinenfabrik“.

Zur feierlichen Einweihung kamen der Premierminister Pierre Dupong sowie zahlreiche Botschafter. Vor der neu errichteten Fabrik posierte Petrowitch für die internationale Presse in seiner alten sowjetischen Uniform mit all seinen militärischen Orden.



der ungarische Physiker László Kovác

 
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Die Herausforderung - László Kovác
 

Viele der früheren Helfer standen dem Stab um Petrowitch zur Verfügung. In den ersten zwei Jahren nach der Gründung beschäftigte die Firma bereits 12 Mitarbeiter.

Nachdem eine verbesserte Version der Skvozniak SK-3 auf der 3. internationalen Schmugglermesse im französischen Saint Raphaël vorgestellt worden war, stieg die Nachfrage dermaßen, dass die Direktion weitere 18 Mitarbeiter einstellte.


Nur fehlte es an Spezialisten, welche die sehr sensible Feineinstellung des Kulminators vornehmen konnten. Petrowitch verpflichtete dafür den ungarischen Elementarphysiker László Kovác, der schon in den 1930er Jahren mit ihm zusammen an dem “Skvozniak”-Projekt gearbeitet hatte.

Kovác würde in den folgenden Jahren die Ausbildungsabteilung der Firma übernehmen und sich für viele Innovationen verantwortlich zeigen.



Versuchsreihe des Modells SK-3

 
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Nebel

Die “Skvozniak SK-3”, das Flaggschiff der Firma, war mittlerweile schon 850mal verkauft worden, den Betreibern ging es blendend und sie beschlossen in neue Technologien zu investieren.

László Kovác erfand im Laufe der Jahre den Nebelgenerator, ein neues Zubehör für die „Skvozniak SK-3“, das innerhalb weniger Minuten die Umgebung der Maschine in Nebel hüllte und so das Aufspüren der Schmuggler durch Polizei oder Zoll erschwerte.

 

 


 

 

 
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Die Katastrophen
 


Titelseite der sowjetischen Tageszeitung PRAWDA vom 22. Oktober 1958




"Doktor Schiwago", Roman
von Boris Leonidovitch Pasternak, Ausgabe von 1958

 
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Skvozniak und "Doctor Schiwago"
 

Artikel in der Prawda vom 23. Oktober 1958:

Dank General Petrowitch, einem früheren Mitglied der Sowjetischen Akademie der Wissenschaften und Veteran des Großen Vaterländischen Krieges, ist es gelungen, Boris Leonidowich Pasternak den verdienten Nobelpreis für Literatur zukommen zu lassen.

Zur Geschichte:

Der Schriftsteller Boris Leonidowitch Pasternak, geboren in Moskau 1890, schrieb den epochalen Roman „Doktor Schiwago“ im Jahre 1955, der dann in verschiedenen sowjetischen Verlagen erschien. Premierminister Nikita Sergejewitsch Chruschtschow würdigte die Verdienste des Literaten für die glorreiche Sowjetunion, die Mutter der Völker, mit dem begehrten Leninorden.

Seit der Erstausgabe in diesem Jahr stand das Werk auf der Liste der möglichen Preisträger des Nobelkomitees in Stockholm. Allerdings verfehlte Pasternak bei jeder Abstimmung die absolute Mehrheit der abgegebenen Stimmen und der Verdacht lag somit nahe, dass ausländische kapitalistische Mächte alle Hebel in Gang setzten, um die Auszeichnng zu verhindern.

Der französische Nobelpreisträger Albert Camus, ein langjähriger Verehrer Pasternaks, schlug dem Stockholmer Komitee vor, Pasternak endlich die verdiente Ehrung für sein Werk zukommen zu lassen. Das Komitee stimmte zu, hatte aber zu jener Zeit kein Exemplar in Originalversion zur Verfügung. Laut Satzung der Nobel-Stiftung kann aber nur ein Werk mit dem Preis ausgezeichnet werden, welches ihr in Originalfassung, in diesem Fall auf Russisch, vorliegt.

Auf Anfrage der Schwedischen Akademie versandte die Vereinigung der sowjetischen Schriftsteller die geforderten achtzehn Exemplare im August dieses Jahres mit einer Linienmaschine der Aeroflot auf dem Luftweg von Moskau über Belgrad nach Stockholm.

 




Wegen eines westlichen Sabotageaktes war die Besatzung der Aeroflot-Maschine gezwungen, in Malta zwischenzulanden. Während dieser Zeit wurden aus dem Gepäck der VSS (Vereinigung der sowjetischen Schriftsteller) sämtliche achtzehn Exemplare des „Doktor Schiwago“ von sowjetfeindlichen imperialistischen Agenten entwendet. Die kapitalistischen Länder von Großbritannien und den Vereinigten Staaten zeichneten für diesen reaktionären und völkerfeindlichen Akt verantwortlich. Diese Feinde des wissenschaftlich-technischen Fortschritts möchten mit allen Mitteln den bevorstehenden Ruhm des sowjetischen Volkes verhindern.

Der Sekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der ruhmreichen Sowjetunion, Nikita Sergejewitsch Chruschtschow, beauftragte daraufhin den oben erwähnten General Petrowitch damit, die nötigen Exemplare des Romans bis zum 1. September nach Stockholm zu schaffen.

Petrowitch, der vor und während des Großen Vaterländischen Krieges an der geheimen Mission Skvozniak beteiligt gewesen war, zudem den Kulminotransmitter erfunden hatte und eine Kopie der Maschine in Luxemburg installiert hatte, nahm die achtzehn Exemplare des Romans in der sowjetischen Botschaft in Luxemburg entgegen.

Die sowjetische Botschaft in Stockholm hatte inzwischen nach Plänen von General Petrowitch einen Empfänger gebaut, der die benötigten Originalausgaben empfing.

So wurden dank Petrowitch die Formalitäten für die Vergabe des Preises erfüllt. Gestern verkündete das schwedische Komitee feierlich den Namen des Preisträgers: Boris Leonidowitch Pasternak, für seine außergewöhnlichen Verdienste in der zeitgenössischen Poesie und im Bereich der großen russischen Prosa.



Jedes Jahr am 20. Mai ehrt die die Rote Armee den General Petrowitch durch Niederlegung roter Nelken

 
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Post scriptum

Der “General” starb am 17. Juli 1960 in Ettelbruck im Alter von 73 Jahren an den Folgen eines Schlangenbisses.

Auf Wunsch des Obersten Sowjets wurde der Leichnam am darauffolgenden Tag nach Moskau überführt. Er wurde am 25. September in den Alexandrovskii-Gärten entlang der Kreml-Mauer direkt neben dem Grab des unbekannten Soldaten mit allen militärischen Ehren beigesetzt.

 

 



"General Wladimir Petrovitch"
210 x 98 cm, Oel auf Leinwand, nach einem Foto aus dem Jahre 1952
Arkadij Gerasimow, 1962
Wtoraja Besymjannaja [zweiter namenloser Turm], Kreml-Areal, Moskau


 

 

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